Archiv für den Monat: Oktober 2014

Russisch statt Englisch: Kindheit in der DDR

Schule, Freunde, Hobbys: Auch in der DDR lebten Kinder ihr Leben. Doch wie war dieses Leben? André ist in der DDR aufgewachsen. Hier erzählt er, wie es war.

„Wir gingen alle auf die Polytechnische Oberschule, von der ersten bis zur zehnten Klasse“, erzählt André. Er ist in Chemnitz großgeworden. Das ist eine große Stadt, die in der DDR noch Karl-Marx-Stadt hieß. „Erst nach der zehnten Klasse konnte man auf die erweiterte Schule gehen, aber das war nur wenigen Kindern vorbehalten. Unsere Fächer waren Deutsch, Mathe, Chemie und Physik.“ Ab der vierten Klasse lernten André und seine Mitschüler Russisch – und nicht Englisch. Denn die Sowjetunion, zu der Russland gehörte, war damals der wichtigste Verbündete der DDR.

Die Kinder wurden im Sinne des Sozialismus erzogen. Darunter versteht man zum Beispiel die Idee, dass alle Menschen etwa gleich viel besitzen. Man sagte zueinander auch nicht „Herr“ oder „Frau“, sondern „Genosse“ und „Genossin“. Tatsächlich war die DDR ein Land, indem nur eine bestimmte Partei das Sagen hatte. Die hieß SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands).

Nach der Schule ging es in den Hort, denn die Eltern arbeiteten oft lange, erzählt André. Gespielt wurde viel draußen, „es gab in allen Schulen auch ein gutes Angebot zum Trainieren und Spielen“. Die Kinder waren zudem Mitglied der Jungpioniere. „Wir trugen ein weißes Hemd und ein blaues Halstuch. An den Pionier-Nachmittagen spielten wir oder sammelten Alt-Gläser und -Papier. Dafür bekam man Geld, das dann gespendet wurde.“

Auf manches mussten André und seine Mitschüler aber verzichten: „Es gab zu unserer Zeit genug zu essen und zu trinken. Aber bestimmte Lebensmittel wie zum Beispiel Ketchup oder Früchte (wie Bananen und Erdbeeren) waren Mangelware. Oft musste man sehr lange anstehen, um davon etwas zu bekommen. Coca-Cola oder Fanta gab es bei uns nicht. Natürlich haben wir auch Musik aus dem Westen gehört. Gern gesehen wurde das aber nicht. Die Platten unserer Stars konnten wir nicht kaufen. Sehr beliebt war bei uns eine Jugendzeitung aus dem Westen, die „Bravo“. Wenn sie jemand mal hatte, musste sie sehr gut versteckt werden, damit man sie nicht abgeben musste. Jede einzelne Seite wurde von uns Kindern und Jugendlichen dann verschlungen.“

Als Urlaubsziele kamen nur Länder infrage, die Freunde der DDR waren. Hotelzimmer wurden von einem Verein verteilt. „Oft musste man viele Jahre warten, um einen Ferienplatz in einem anderen Land zu bekommen.“ Von Reisen nach Italien oder den Niederlanden habe man nur träumen können. „Aber wir hatten viele schöne Familienurlaube im Harz [ein Gebirge in der DDR], an der Ostsee oder in der benachbarten Tschechoslowakei“, sagt André.

Dass man in der DDR nicht alles sagen durfte, was man wollte, habe man als Kind in vielen Situationen gespürt. „Oft wurde uns gesagt, an was wir glauben sollen. Dass man nur in der DDR oder bei den sozialistischen Partnern in Ruhe leben kann, und dass es allen anderen Menschen schlecht gehe.“ Als die Mauer dann fiel, war André 16 Jahre alt. „Für viele in meinen Alter war die ,neue‘ Freiheit atemberaubend. Wir lernten neue Berufe, fingen an zu studieren und schauten uns die Welt an. Für uns war der Fall der Mauer wie das Öffnen der ganzen Welt.“  Miguel Castro
(Archiv: aus Luckys Kindermagazin vom 10. Oktober 2014)