Aus Ärger in den Ofen: Was es mit der Martinsgans auf sich hat

Dass jedes Jahr unzählige Gänse geschlachtet werden und als Martinsgans auf dem Tisch landen, liegt möglicherweise daran, dass einige ihrer Vorfahren im falschen Moment den Schnabel zu weit aufgerissen haben. Wären sie ruhig geblieben, dann wäre vielleicht nichts passiert. Dann gäbe es jetzt womöglich nur Martinsbrezeln oder vielleicht auch Martinsnudeln. Es hätte also auch ganz anders laufen können, hätten sie einfach den Schnabel gehalten.

Kommen manchmal in den Ofen: Martinsgänse. Foto: Klaus Kimmling/Trierischer Volksfreund
Kommen manchmal in den Ofen: Martinsgänse.
Foto: Klaus Kimmling/Trierischer Volksfreund

Ereignet hat sich dieser entscheidende Moment im Jahr 371. Und dafür verantwortlich war ebenfalls der heilige Martin. Nur dass er mit Gänsen scheinbar weitaus weniger Mitleid hatte als mit Bettlern.

Wenn ihr die Geschichte über Sankt Martin gelesen habt, dann wisst ihr ja, dass Martin nach seiner Zeit als Soldat Mönch wurde. Er war ein sehr bescheidener Mönch. Und die Leute mochten ihn, weil er nicht nur fromm, sondern auch gerecht und hilfsbereit war.

Als nun im Jahr 371 der damalige Bischof von Tours starb, wollten die Menschen, dass Martin der neue Bischof wird. Doch der Mönch wollte genau das nicht. Er fühlte sich dazu nicht würdig genug und konnte außerdem mit dem ganzen Prunk eines Bischofs nichts anfangen. Doch die Menschen ließen nicht locker. Und so kam es schließlich zu diesem für die Gänse verhängnisvollen Tag.

Die Leute waren auf dem Weg zu Martin, um ihn erneut davon zu überzeugen, Bischof zu werden. Als der Mönch die ankommende Menschenmenge sah, versteckte er sich in einem Gänsestall. Dort wollte er auch bleiben, bis sich die Lage wieder entspannt hätte. Doch daraus wurde nichts: Die Gänse schnatterten vor Aufregung so laut, dass Martin entdeckt und wenige Zeit später tatsächlich zum Bischof ernannt wurde. Es heißt, Martin habe sich darüber so geärgert, dass die Gänse dafür hätten büßen müssen. Und so seien sie geschlachtet worden, woraus sich dann der Brauch mit der Martinsgans entwickelt habe. Ob das tatsächlich so war, kann niemand sagen. Falls ja, so wäre es doch so langsam mal an der Zeit, etwas weniger nachtragend zu sein. Die armen Gänse waren doch nur aufgeregt. Hätten sie nicht geschnattert, wäre Martin kein Bischof und wahrscheinlich auch kein Heiliger geworden. Uwe Hentschel