Auf in den (Ur-)Wald: Zu Besuch im Nationalpark Hunsrück-Hochwald

Wenn hier Schnee fällt, dann rutschen Kinder auf Schlitten den Berg herunter, und Skifahrer düsen den Hang hinab. Doch der Erbeskopf, der höchste Berg von Rheinland-Pfalz, bietet noch mehr: Er ist Teil des Nationalparks Hunsrück-Hochwald. In diesem Wald wird die Natur an vielen Stellen sich selbst überlassen. Ein Spaziergang: 

1) Verena Sauerbrei trägt eine Uniform und einen breiten Hut. An ihrem linken Oberarm prangt das Abzeichen des Nationalparks. Verena ist Rangerin im Nationalpark Hunsrück-Hochwald – sie kümmert sich um den Wald und seine Bewohner. Wir treffen uns auf dem Parkplatz am Erbeskopf. Es ist Mitte Februar, noch liegt hier an vielen Stellen Schnee. Schon bald klettern wir einen steilen Weg den Berg hinauf, zusammen mit „Socke“, dem treuen Hund der Rangerin.

2) Oben heißt es zunächst verschnaufen. Rechts steht eine Gruppe Fichten, in langen Reihen. Im Schatten ihrer immergrünen Blätter recken sich ein paar kleine Stengel nach oben. „In zehn Jahren sind diese jungen Buchen drei Meter hoch“, sagt Verena. Die Laubbäume wurden unter den Fichten gepflanzt. Sie sollen in den nächsten Jahrzehnten die Nadelbäume hier ersetzen.

3) Wir stehen vor einer Ansammlung von Bäumen, die anscheinend kreuz und quer wachsen. Ein Stamm liegt quer zu den anderen am Boden. Vogelgezwitscher ist zu hören. „Ein altes Gebiet“, erklärt Verena. Der Wald hier wurde schon vor 70 Jahren zum Schutzgebiet erklärt. Ein Teil des Nationalparks besteht aus genau solch alten Landschaften. In Zukunft soll viel mehr Wald im Park nicht mehr genutzt werden. Das bedeutet: Bäume werden nicht mehr gefällt, sondern sie dürfen älter werden – bis sie morsch umfallen. Der Wald soll so zu einem Ur-Wald werden, den der Mensch in Ruhe lässt, aber beschützt. Das ist die Idee eines Nationalparks.

4) Am Wegesrand liegt ein zerbrochener Baumstamm. Zunderschwämme haften am Holz. Aus dem ledrigen Pilz wurden früher Hüte gemacht. Borkenkäfer-Larven haben den Stamm im Innern zerfressen, Spechte klopfen Löcher in das morsche Holz. „In 100 Jahren wird hier alles weg sein“, ist sich die Rangerin sicher.

5) Über uns macht es „Zip-zip-zip“. Ein kleines Wintergoldhähnchen, sagt Verena. Auch Zaunkönige gebe es hier, sie bevorzugen gerne umgestürzte Bäume. Und der  Fichtenkreuzschnabel fliegt ebenfalls irgendwo dort oben umher.

Das Besondere: Der kleine Vogel brütet auch im Winter. Und Schwarzstörche gebe es hier, Rotmilane und Turmfalken: Rangerin Verena ist ein wandelndes Lexikon. Dabei ist die Führung von Besuchern durch den Wald nur ein Teil ihrer Arbeit: Ranger im Nationalpark ziehen Pflanzen auf, kontrollieren, forschen. Holz fällen können sie auch. „Es ist ein Handwerk“, sagt Verena. Sie hat den Beruf erlernt.

6) Nach einem weiteren Anstieg stehen wir an einer Kreuzung. Verena Sauerbrei listet auf, was eigentlich im Wald lebt und zu finden ist: Hirsche, Rehe, Marder, Wildschweine, Grauspechte, Eidechsen, Schlangen, Käfer, Kohlmeisen, Stieglitze, Flechte und Moose. Nachts „sei es viel schöner“, schon wegen des Sternenhimmels. Dann rufen Eulen, Mäuse rascheln, Fledermäuse sind unterwegs, Käfer fliegen vorbei.

7) Auf dem weiteren Weg zur 816 Meter hohen Spitze des Erbeskopfs bleiben wir vor einem großen Gebüsch stehen. Eine Gruppe Rehe könnte sich im Dickicht vor uns verbergen, und wir würden es nicht bemerken, sagt Verena. Die Pflanzen sind so hoch wie ein Erwachsener. Es ist still. Ob uns vielleicht jetzt Rehe anschauen?

8) Kurz zuvor haben wir eine Fichte passiert, die vor fünf Jahren gefällt wurde. Für brütende Vögel seien der Stamm und die drumherum wachsenden Nadel- und Laubbäume gut. „Das Nest ist hier gesichert“, vor Mardern und Füchsen. Aber: „In 50 Jahren wird hier nur ein einzelner Baum stehen.“ Weiter geht die Wanderung vorbei an alten Buchen. 100 Jahre alt sind sie, aber gar nicht so hoch und mächtig. Der Grund: Die Bäume hatten Platz zum Wachsen, sie mussten nicht wegen des Zugangs zum Sonnenlicht in die Höhe streben.

9) Oben angekommen, schauen wir von einer Aussichtsplattform am Erbeskopf über die Umgebung. Auf dem Weg nach unten, zum Parkplatz, zeigt Verena auf Wildschweinspuren im weichen Waldboden.Brombeeren wachsen am Wegesrand. Und wieder erklingt über uns ein „Zip-zip-zip“. Ein … ach, ihr wisst schon.  Miguel Castro

Mehr Infos

Der Nationalpark Hunsrück-Hochwald: Die Natur darf machen, was sie will, der Mensch nicht: In einem Nationalpark werden Pflanzen und Tiere, die es dort gibt, in Ruhe gelassen. Bäume zum Beispiel werden nicht gefällt, um daraus Möbel zu bauen, sondern bleiben stehen, bis sie irgendwann von selbst umkippen. Solche Nationalparks gibt es in vielen Ländern. In Deutschland sind es 16. Einer von ihnen ist der Nationalpark Hunsrück-Hochwald. Er ist flächenmäßig so groß wie eine Stadt. Dabei ist der Park mehr als nur ein Wald. In seinem Gebiet gibt es auch eine mittelalterliche Burg, die Wildenburg, und eine alte Befestigung der Kelten. Wie dieses alte Volks lebte, kann im „Keltenpark“ in Otzenhausen erlebt werden. Und im Winter lässt sich natürlich am Erbeskopf prima rodeln und Ski fahren. (dpa/red). Internet: www.nationalpark-hunsrueck-hochwald.de

Der Erbeskopf: 816 Meter hoch ist der Erbeskopf. Er ist der höchste Berg im Bundesland Rheinland-Pfalz. Der Erbeskopf liegt im Hunsrück. So bezeichnet man die waldreiche Gegend, die zwischen den Flüssen Mosel, Rhein, Nahe, Saar und Ruwer liegt. Ein Teil des Hunsrücks wird auch Hochwald genannt.

Angebote für Kinder und Familien

Rangertouren: Einzelpersonen und Familien begleiten die Mitarbeiter des Nationalparks bei deren zweieinhalb- bis dreistündigen Kontrolltouren. Start ist jeweils um 14 Uhr an „Rangertreffpunkten“, die Teilnahme ist kostenlos.  Für Gruppen gibt es eigene Führungen, Infos auf der Internetseite des Parks oder  unter Telefon  06131/884152-0. Im Einzelnen: freitags 14 ab dem Hunsrückhaus am Erbeskopf, sonntags 14 Uhr am Keltendorf Otzenhausen und an der Wildenburg vor dem Wildfreigehege in Kempfeld. Dort startet Sonntags um 14 Uhr auch eine spezielle „Junior-Wildkatzen-Tour“, die nur eineinhalb Stunden lang ist. Weitere Angebote gibt es ab 1. April, sie führen zu Wiesen und Parkgrenzen oder durch den Wald.

Schüler: Extra für Schulklassen gibt es eigene Veranstaltungen – zum Beispiel zur Wildkatze Felix, mit der sich der Wald entdecken lässt, oder zur Geschichte der alten Kelten, die im Wald früher eine Befestigung gebaut hatten. Die Angebote für Erzieher und Lehrer gibt es auf dieser Internetseite des Nationalparks.

Erlebnistouren: Für diese Spaziergänge muss man sich anmelden, sie kosten zudem 10 Euro pro Erwachsener (Kinder bis 14 Jahren zahlen nicht). Die Übersicht gibt es auf der Internetseite des Parks.