Abenteuer Argentinien: Wie Schüler aus Trier in einem fernen Land lebten (und zur Schule gingen)

Gauchos in Argentinien

Einfach mal alle Möbel in einen riesigen Schiffscontainer einpacken und für mehrere Jahre in ein anderes Land ziehen? Genau das hat eine Familie aus Trier gemacht. Sie hat fast drei Jahre in Argentinien gelebt – tausende Kilometer von Deutschland entfernt.

Von Viola Merten

Argentinien ist ein sehr großes Land, das in Südamerika liegt. Seine Fläche umfasst unvorstellbare 2,8 Millionen Quadratkilometer. Deutschland würde achtmal dort hinein passen! Insgesamt leben 43 Millionen Menschen in Argentinien. Die Hauptstadt heißt Buenos Aires. Dort haben Hannes, Nicolas und Olivia mit ihren Eltern gewohnt. Ihr Vater  arbeitete als Lehrer in der Stadt. Hannes und Nicolas, die zu Beginn des Aufenthalts 5 und 8 Jahre alt waren, gingen auf die deutsche „Goethe-Schule“. Ihre kleine Schwester Olivia besuchte den Kindergarten. Denn in der Goethe-Schule gibt es alle Klassenstufen, vom Kindergarten, dem „nivel inicial“, über die sechsjährige Grundschule, der „primaria“, bis zum Abitur in Klasse 12 am Ende der „secundaria“ (gesprochen Sekundaria)

Buenos Aires ist die Hauptstadt von Argentinien

Was das besondere an einer deutschen Schule im Ausland ist, erklärt Nicolas: „Manche Kinder waren Deutsche und lebten in Argentinien, weil ihre Eltern dort arbeiteten – so wie wir. Aber die meisten Schüler kamen aus Argentinien, hatten aber vielleicht eine deutsche Uroma und wollten die Sprache nicht verlernen.“

Denn der Unterricht in Sachkunde, Mathematik und – natürlich – Deutsch wird auf Deutsch gehalten. Alle anderen Fächer sind auf Spanisch. Um da mitzukommen, mussten die Geschwister erst einmal Spanisch lernen. „In der ersten Zeit kam eine Lehrerin zu uns zusätzlich zur Schule nach Hause, aber nach einem halben Jahr konnten wir fließend Spanisch“, sagt Nicolas stolz.

Schule in Argentinien

Doch der Alltag in einer argentinischen Schule ist ganz anders als in Deutschland: Morgens versammeln sich alle Schüler auf dem Schulhof und singen das „Fahnenlied“, während die blau-weiße Nationalflagge gehisst wird. Wer auch nur ein bisschen zu spät kommt, steht vor dem verschlossenen Schultor und wird für einen halben Tag als fehlend eingetragen. Nach einer Rede des Schulleiters folgen dann vier Schulstunden, die jeweils (mit kleineren Pausen dazwischen) 60 Minuten dauern. Mittags gibt es eine Stunde Pause, dann geht der Unterricht (zumindest ab der 3.Klasse) bis 16 Uhr weiter. Danach müssen die Kinder noch viele Hausaufgaben erledigen oder für eine der „Trimesterarbeiten“ lernen.

Das Schuljahr in Argentinien wird nämlich nicht wie bei uns in zwei Halbjahre, sondern in drei Trimester geteilt. Am Ende jedes Trimesters stehen wichtige Prüfungen in Deutsch, Spanisch, Mathematik und Englisch – selbst in der Grundschule. Die Noten reichen von zu einem Punkt für eine sehr schlechte Leistung bis zu 10 Punkten für eine exzellente Arbeit. Nur wer mindestens sieben Punkte erreicht, hat den Test bestanden.

Auch sonst geht es sehr streng zu: Die Schüler müssen eine Uniform tragen, die für die Jungen aus einem weißen Hemd und einer grauen Bundfaltenhose besteht. Die Mädchen ziehen weiße Blusen und grüne Röcke an. Außerdem gehört für jeden Schüler ein grüner Pullover dazu. Über die Schuluniform sind Hannes und Nicolas geteilter Meinung: „Natürlich gibt es so weniger Ausgrenzung von ärmeren Kindern, aber die gerade Hose fanden viele unbequem.“ Für die Tage mit Sportunterricht ist eine lockerere Variante der Uniform mit Jogginghose erlaubt.

Und noch eine Sache ist in Argentinien ganz anders als in Deutschland; nämlich die Jahreszeiten. Denn wenn es bei uns auf der Nordhalbkugel Sommer ist, ist auf der Südhalbkugel Winter – und umgekehrt. Deshalb beginnen in Argentinien die langen Sommerferien Mitte Dezember und dauern bis Anfang März. Sonst gibt es – abgesehen von den 3 Wochen Winterferien im Juli – kaum freie Tage. Auch Weihnachten feiern die Argentinier ganz anders: „Wir hatten nur einen Plastik-Tannenbaum, weil es da ja keine echten gibt“, sagt Nicolas. Und statt in einen Schneehaufen sprangen die Kinder in einen Pool. „Da haben wir am argentinischen Weihnachtstag, dem 25. Dezember, auch die meiste Zeit drin verbracht“, sagt Hannes. Bei 40 Grad.

Reisen in Argentinien

Die Ferien hat die Familie natürlich genutzt, um das riesige Argentinien besser kennen zu lernen: Dazu sind sie entweder im Flugzeug geflogen oder kürzere Strecken im Campingbus gefahren. Die Landschaft sieht in den verschiedenen Regionen ganz unterschiedlich aus. Im Osten gibt es Strände am Atlantischen Ozean. Die Anden im Westen sind ein großes Gebirge, in dessen Tälern die berühmten Salzseen glitzern. Im Süden liegt eine Gegend namens „Patagonien“. Hier gibt es beeindruckende Gletscher und es fällt viel Schnee. Im Landesinneren liegt die „Pampa“. Nein, das ist kein hässlicher, öder Fleck, sondern eine Ebene voll von saftigem Gras, das die großen Rinderherden fressen.

So wie es früher in Nordamerika Cowboys gab, die mit Pferd und Lasso ihre Herden hüteten, gibt es diesen Beruf auch heute noch vereinzelt in Argentinien. Nur heißen die südamerikanischen Cowboys „Gauchos“ (sprich: Gautschos). Das Fleisch ihrer Rinder wird für viele traditionelle argentinische Gerichte gebraucht. Der Rest wird in die ganze Welt verkauft.

Außerdem leben viele exotische Tiere in Argentinien. In den zahlreichen Nationalparks können die Besucher Lamas, Jaguare, Gürteltiere, Papageien oder Kolibris bestaunen. Etwas ganz Besonderes ist der Nandu. Diese Form des Vogelstrauß (auch Pampasstrauß) genannt, lebt nämlich nur in Südamerika.

Armut im Land

Doch nicht jedem in Argentinien geht es gut: Das Land kämpft mit den Folgen einer schweren Wirtschaftskrise, die ein Grund dafür ist, dass viele Menschen sehr arm geworden sind. Ein großer Teil von ihnen lebt in einer „Villa Miseria“ (übersetzt: Elendssiedlung). Das ist ein Armenviertel, von denen es dutzende um die großen Städte herum gibt. In den ärmsten „Villas“ gibt es keinen Strom, kein fließendes Wasser und keine festen Häuser, sondern nur Hütten aus altem Metall oder Pappe. Viele Kinder, die ihre Eltern verloren haben, schlafen sogar auf der Straße. Ein berühmter Argentinier, Papst Franziskus, versucht das zu ändern und setzt sich für bessere Lebensbedingungen armer Menschen in Südamerika ein. Außerdem gibt es im ganzen Land häufig Überfälle bewaffneter Banden. „Deshalb gab es auch einen hohen Zaun um die Schule und unser Haus und vor dem Schultor hat eine Wache aufgepasst“, erklärt Nicolas.

Obwohl es so viele Schwierigkeiten gibt, sind die Argentinier bekannt für ihre Lebensfreude. Und wo könnte man besser fröhlich sein als beim Fußballspielen? Die Nationalmannschaft ist schon zweimal Weltmeister geworden (1978 und 1986) und auch Fußballstar Lionel Messi kommt aus Argentinien. Während ihrer Zeit in Buenos Aires konnten Hannes, Nicolas und ihre Familie viele Länderspiele im Stadion erleben, in der Goethe-Schule durfte eine Fußball-AG natürlich nicht fehlen. Als die Familie im Sommer 2014 wieder nach Deutschland zurückkam, fiel den Kindern die Umgewöhnung nicht schwer. Nicolas, der da gerade in die fünfte Klasse kam, erinnert sich: „Das größte Problem war, dass wir in der Schule in Argentinien ganz viel über Geometrie gelernt haben, aber in Mathe andere Themen gar nicht besprochen haben. Das musste ich erst mal nachholen.“
Trotzdem denken alle gerne an ihr „Abenteuer Argentinien“ zurück: besonders an die Schönheit der Natur; an das einzigartige Grün der Pampa und den intensiv blauen Himmel.

Mehr zu Argentinien lest ihr in diesem Lucky-Text!

Wusstest du, dass …?
Dulce de leche, das heißt „Süßes aus Milch“, eine typisch argentinische Karamellcreme ist, die in fast allen Süßigkeiten und Kuchen verwendet wird?
der „dia del maestro“ der Tag des Lehrers ist? An dem Tag bedanken sich Schüler mit kleinen Geschenken und Theateraufführungen bei ihren Lehrern für deren Arbeit. Übrigens: Die argentinischen Kinder dürfen ihre Lehrer beim Vornamen rufen.