Das Mittelalter: Düster oder bunt?

Eine Zeit ohne Strom, Autos und Plastik – das war das Mittelalter. In dieser Zeit, die vor 500 Jahren endete, wohnten Ritter in ihren Burgen. Mächtige Könige und Kirchenfürsten regierten das Land. Und die meisten Menschen arbeiteten als Bauern. Wir haben eine Expertin gefragt, was das für eine Zeit war, und wie die Menschen damals lebten.

Fragen:

  1. Wann begann das Mittelalter?

Kennt Ihr das? Jemand fragt Euch, was gestern, in der letzten Woche oder in den Sommerferien passiert ist, und Ihr erzählt. Unwichtige Dinge lasst Ihr dabei aus, während andere Erlebnisse von Euch größer und wichtiger gemacht werden, als sie vielleicht wirklich waren. Und wenn Ihr darüber nachdenkt, merkt Ihr, dass manche Ereignisse Euer Leben ein wenig oder möglicherweise auch sehr stark verändert haben. Ihr blickt auf die Vergangenheit und ordnet und wertet sie. Historikerinnen und Historiker, die sich in ihrem Beruf mit der Geschichte beschäftigen, machen nichts anderes. Nur sehen sie nicht auf ihr eigenes Leben, sondern auf das der Menschen, die vor uns auf der Welt waren. Um besser erklären zu können, wie diese gedacht und gehandelt haben und was sich veränderte, hat im Jahr 1702 zum ersten Mal ein Forscher zwischen den Epochen der Antike, des Mittelalters und der Neuzeit unterschieden. Die Menschen des Mittelalters haben also selbst nie gedacht, dass sie im Mittelalter leben. Wenn wir den Punkt festlegen möchten, an dem für uns das Mittelalter begann, müssen wir bestimmen, warum das Mittelalter anders war als die Antike und wann diese Veränderung eintrat. Das ist sehr schwierig. Ganz grob haben sich die Historikerinnen und Historiker darauf verständigt, dass das europäische Mittelalter die Zeit zwischen 500 und 1500, und damit 1000 Jahre, umfasst.

  1. Glaubten die Menschen im Mittelalter, die Erde sei eine Scheibe?

Nein! Habt Ihr das in der Schule anders gelernt? Ich auch! Tatsache ist aber, dass die Menschen im Mittelalter wussten, dass die Erde ungefähr die Form einer Kugel hat. Fast niemand hat geglaubt, sie wäre eine Scheibe. Das ist komisch, oder? Warum machen wir die Männer und Frauen im Mittelalter dümmer, als sie waren? Die Antwort ist einfach: Wir möchten unsere eigenen Leistungen betonen.

Ein frühes Beispiel dafür ist Nikolaus Kopernikus, der in der Mitte des 16. Jahrhunderts schrieb, dass nicht die Erde, sondern die Sonne im Mittelpunkt unseres Kosmos steht. Zweifele das jemand an, so messe er dem ebenso wenig Bedeutung zu wie der früher verbreiteten Erdscheiben-Theorie. Indem Nikolaus Kopernikus das Mittelalter mit einer falschen Behauptung herabsetzte, hob er seine wichtige Entdeckung hervor. Über viele Jahrhunderte wurde ihm das abgenommen. Und man findet es immer noch in einigen Schulbüchern. Streicht es, wenn Ihr es seht!

  1. Warum endete die Epoche des Mittelalters?

Die Abgrenzung zur Neuzeit ist genauso unbestimmt wie die zur Antike. Was hat das Leben der Menschen so maßgeblich verändert, dass wir von einer neuen Zeit sprechen müssen? Zwei Ereignisse waren sicher von großer Bedeutung: die Erfindung des Buchdrucks in den 1450er Jahren und die Entdeckung Amerikas 1492.

  1. Im Mittelalter hatte die Kirche viel zu bestimmen. Warum?

Im europäischen Mittelalter waren die meisten Menschen Christen. Wenn Ihr katholisch der evangelisch seid, wisst Ihr sicher, dass im Christentum die Vorstellung besteht, dass der Glaube an Gott und die Art, wie sich ein Mensch anderen gegenüber verhält, einen Einfluss auf sein Leben nach dem Tod haben. Christen denken, dass Gott sie nach ihrem Tod bestrafen oder belohnen wird. Im Mittelalter stellten sich vor diesem Hintergrund zwei Fragen: Wer sorgt dafür, dass die Menschen die Gebote, die in der Bibel stehen, einhalten? Und wer darf zu ihren Lebzeiten über sie richten, wenn sie es nicht tun? Da Politik und Religion sehr eng miteinander verbunden waren, haben sich Kaiser und Papst hierüber lange gestritten. Heute ist nicht nur Religion wesentlich vielfältiger geworden, sondern sind in Deutschland auch die Bereiche von Staat und Kirche klar getrennt.

5. Wie lebten Kinder im Mittelalter?

Im Allgemeinen galten die Kinder bis zum Alter von sieben Jahren als Kleinkinder. Sie kannten Gemeinschaftsspiele wie Plumpsack, Hüpfspiele und Blinde Kuh. Auch die Spielsachen sind uns recht vertraut, wurden aber aus anderen Materialien als heute hergestellt. Es gab Beißringe aus getrocknetem Gänsehals und Würfel aus den Sprunggelenken des Schafs. Eine mit Erbsen gefüllte Schweinsblase diente als rasselnder Ball. Puppen und Tierfiguren wurden aus Ton und Holz, aber auch aus teureren Materialien wie Zinn, Bronze oder Messing hergestellt.

Waren die Kinder ungefähr sieben Jahre alt, mussten sie ihren Eltern bei der Arbeit helfen. Eine gemeinsame Schule für alle Kinder gab es nicht. Mädchen und Jungen lernten, was sie als Frauen und Männer in Bauern-, Handwerker-, Kaufmanns- oder Adelsfamilien wissen mussten, zuhause. Die Jungen wurden auch bei Bekannten und Freunden ausgebildet oder besuchten Schulen. Einige Kinder waren unvorstellbar viel unterwegs. Ich gebe Euch ein Beispiel: Burkhard Zink wurde im Alter von elf Jahren zu seinem Onkel geschickt. Er verließ seine schwäbische Heimatstadt Memmingen und begab sich zu Fuß alleine über 500 km nach Krain (das heute Teil von Slowenien ist). Könnt Ihr Euch das vorstellen? Ohne Handy und Googlemaps? Burkhard Zink erlebte viele Geschichten und wurde er ein reicher Kaufmann in Augsburg.

  1. Was haben die Kinder gegessen?

Das hat sich im Laufe des Mittelalters verändert. Mit Sicherheit kann ich jedoch sagen, dass die Kinder vor der Entdeckung Amerikas keine Kartoffeln, keine Tomaten und keinen Kakao/keine Schokolade kannten. Die Ernährung war stark von der Jahreszeit, dem Wetter, dem Wohnort und dem Vermögen der Eltern beeinflusst. Und grundsätzlich waren Nahrungsmittel knapp. Wollt Ihr wissen, wie ein ganz einfaches mittelalterliches Gericht schmeckt? Dann probiert einen mit Wasser zubereiteten und ungezuckerten Haferbrei! Getreideprodukte und Hülsenfrüchte (Brot, Grütze, Brei, Suppe) dürften bei den meisten die Basis gewesen sein. Ferner kamen Fisch oder Fleisch, Milchprodukte und Gewürze hinzu. Ich habe gelesen, dass zumindest im 14. Jahrhundert Gemüse, Salat und Obst nicht sehr beliebt waren. Ob das stimmt?

7. Spaß und Musik: War das Mittelalter „düster“, oder haben die Menschen auch gefeiert?

Was ist das nur für ein Bild vom Mittelalter? Man stellt sich richtig vor, wie pausenlos Gewitterwolken über das Land zogen, Krähenrufe Unheil ankündigten und Menschen in dreckigen Behausungen um ihr Leben fürchteten. Aber so war es natürlich nicht. Es gab auch Sonnenschein, Feiern mit Tanz und Musik, Wettkämpfe, kirchliche Feste und sogar schon Karneval


Zur Person:

Foto: Martin Steffen

Der Weg von Frau Prof. Dr. Petra Schulte führte sie von ihrem Studium in Münster und Rom über ihre Tätigkeiten als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Münster, als wissenschaftliche Assistentin in Köln, als Heisen­berg-Stipendiatin in Bielefeld, als Lehr­stuhl­vertreterin in Mainz und Frankfurt sowie als Gastdozentin am Deutschen Historischen Institut in Rom zur Universitätsprofessur in Trier, die sie seit Oktober 2014 innehat. Sie ist Professorin für Mittelalterliche Geschichte, Direktorin des Cusanus-Instituts und Vorsitzende des Trierer Zentrum für Mediävistik.